Presse
Wie sieht das HOME aus, das Flüchtlinge verlassen müssen? Und wie können sie hier in Österreich wieder zuhause sein? Seit August 2017 wohnt R. bei Familie Fiala in Traiskirchen (NÖ). Eine Momentaufnahme. Eine vorzügliche Joghurttorte mit Orangenstücken steht auf dem Tisch, um den wir uns setzen. Peter und Susanne, ihre Tochter Elisabeth und R., das neueste Familienmitglied. Schon etwa sechs Monate ist es her, dass er ein Zimmer der bereits ausgezogenen Kinder bezogen hat.

Peter lehnt sich zurück und beginnt zu erzählen, wie sie den Entschluss gefasst haben, R. aufzunehmen. „Alleine hätte ich mich vielleicht gar nicht drüber getraut. Aber eine Bekannte, die Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet, hat mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Es ist so ähnlich wie mit den eigenen Kindern mit den gleichen Problemen und Freuden, hat sie gesagt. Es baut sich tatsächlich eine ähnliche Beziehung auf.“
„Vorher war ich im Heim, zu zweit teilten wir uns ein Zimmer“, erinnert sich R., „ich war unter Stress und dachte immer an meine Familie. Am Anfang war das hier auch noch. Jetzt vergesse ich sie schon fast, weil ich hier so glücklich bin.“

HOME in Afghanistan
Als ich ihn nach seinem Leben in Afghanistan frage, beginnt R. zu lächeln. „Das Leben in Afghanistan war sehr schön, ich wollte mein Heimatland nicht verlassen“. Grundsätzlich ging R. gerne in die Schule, aber durch den Krieg wurde das Schulgebäude zerstört, es hatte keine Fenster und kein Dach mehr und es gab keine Lehrenden. Weil sich R. nicht nur im Kämpfen unterrichten lassen wollte, begann er mit 11 Jahren bei einem Schneider zu lernen. Zwei Jahre später verdiente er mit der Näharbeit bereits sein eigenes Geld. Zuletzt besaß er selbst eine eigene Schneiderei mit vier Mitarbeitern. Sieben Tage die Woche nähte er in Auftrag gegebene Kleidung für Männer. „Wir bekamen immer mehr Probleme und Schwierigkeiten“, mehr sagt R. nicht dazu, warum sie das Land verließen. Das Ziel der Familie war eine Tante R.s, die in St. Pölten lebt. Gemeinsam flüchtete die Familie bis in die Türkei. Von dort aus reiste R. alleine weiter. Wo seine Familie jetzt ist, weiß er nicht.

Unterschiede im Alltag
Auch das Leben der Fialas hat sich verändert seitdem R. bei ihnen wohnt. „Man passt viel mehr auf, was mit Flüchtlingen passiert und wie unsere Politik handelt.“, stellt Susanne fest. „ Auch unser Bekanntenkreis interessiert sich jetzt viel mehr dafür. Es ist ein Schneeballeffekt, der dazu führt, dass Barrieren abgebaut werden.“ Denn durch eine Beziehung werde die Angst vorm Unbekannten abgebaut. Peter sieht auch eine Bereicherung für sich selbst: „Wir wachsen hier sehr geborgen auf und können uns gar nicht wirklich vorstellen, was rundherum passiert. Für mich ist es ein Einblick in eine andere Welt. Eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.“ Wie verschieden diese Welten sein können, stellt sich immer mehr im Gespräch heraus. „Als ich in Graz angekommen und zum Supermarkt gegangen bin, habe ich zum ersten Mal Frauen gesehen, die arbeiten. In Afghanistan arbeiten Frauen nur zu Hause.“ Dieser Unterschied zwischen den  zwei Ländern fällt R. sofort ein. Er ist erstaunt wie viele Gesetze und Regelungen es hier in Österreich gibt. In Afghanistan kauft man einfach ein Auto und fährt damit, man braucht keinen Führerschein. Wir lachen als er sagt: „Hier muss man sogar für das Fahrrad einen Führerschein machen!“. Während Österreich sehr sicher und gut ausgebaut ist, ist Afghanistan seit hundert Jahren zerrüttet und unsicher. Vieles ist zerstört und wurde nicht mehr aufgebaut. Keiner lässt neue Straßen bauen, wenn sie im nächsten Moment durch eine Bombe wieder zerstört werden können. Eine Gemeinsamkeit fällt R. doch ein, die uns zum Lachen bringt: „Es gibt hier und dort Afghanen“.

Artikel von Veronika Steinberger aus Home Nr. 18
zuflucht:familie - refugees in familiesunterstützen
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok